Bei der terra trifft sich alle drei Wochen eine ganz besondere Lobpreisgruppe. Rund 13 Sängerinnen und Sänger, viel Lebensfreude und jede Menge Klönschnack machen aus dem gemeinsamen Chorgesang ein Erlebnis, bei dem nicht der perfekte Ton zählt, sondern das gute Gefühl.
Manchmal braucht es keine große Bühne, keine Chorleitung mit Taktstock und schon gar keine glasklaren Sopranhöhen, um Musik zu einem besonderen Erlebnis zu machen. Manchmal reichen ein gutes Dutzend sangesfreudiger Menschen, ein Stapel Kirchenlieder sowie ein Ort, an dem man sich wohlfühlt. Bei der terra in der alten Tenne ist genau das alle drei Wochen dienstags zu erleben. Dann wird gesungen, gelacht und geschnattert, dass es eine wahre Freude ist.
Die muntere Truppe nennt sich Lobpreisgruppe und ist eigentlich in der Kirche in Bergen an der Dumme zu Hause. Doch sobald draußen die Temperaturen sinken, wird es auch im Gotteshaus empfindlich frisch. Also weicht die Gruppe in den Wintermonaten auf private Räumlichkeiten aus. Die Sängerinnen und Sänger besuchen sich reihum – und nun gehört auch die terra-Tenne dazu.
Das liegt an Eva, einer Bewohnerin der terra, die selbst zur Lobpreisgruppe gehört. Warum nicht einfach auch dort singen, wo sie zu Hause ist? Eine gute Idee, fanden alle Beteiligten, immerhin gibt es in Evas Zuhause ja die geräumige Tenne. Gesagt – gefragt: Auch terra-Geschäftsführer Henrik Thunecke gab für diese Idee sofort grünes Licht.
So wurde das alte Fachwerkhaus alle drei Wochen zum musikalischen Wohnzimmer der Lobpreisgruppe, die nicht nur ihre Lieder, sondern auch Geschichten, Erinnerungen und eine ordentliche Portion Lebensfreude miteinander teilt.
Dreizehn Stimmen und jede Menge Herz
Wenn die ersten Stimmen einsetzen, füllt sich der Raum mit vertrauten Melodien. Die Kirchenlieder erzählen von Hoffnung, Glauben, Zuversicht und Dankbarkeit. Für manche sind sie seit Jahrzehnten Begleiter durchs Leben, andere entdecken in ihnen immer wieder neue Kraft.
Wer jetzt jedoch an einen streng disziplinierten Kirchenchor denkt, bei dem jeder Ton sitzen und jeder Einsatz millimetergenau stimmen muss, liegt ziemlich daneben. Rund 13 Stimmen gehören zu der bunt gemischten Gruppe. Der Altersdurchschnitt liegt deutlich jenseits der 60; Eva ist eine der Jüngsten im Klangkörper, das älteste Mitglied ist stolze 84 Jahre alt und verschwendet keinen Gedanken ans Aufhören. Die Freude an der Musik kennt eben kein Alter.
Kerstin K., eine Mitarbeiterin der terra, ist ebenfalls in der Lobpreisgruppe dabei, wo sie sich auch um organisatorische Fragen kümmert. „Große Kunst machen wir mit unseren Liedern allerdings nicht“, erzählt sie. Falsche Bescheidenheit? Vielleicht ein bisschen. Schließlich steckt in dem, was der Chor macht, eine Kunst, die sich nicht in Noten messen lässt: gemeinsam etwas Schönes erleben.
Gesungen wird einstimmig. Mehrstimmige Arrangements, komplizierte Einsätze und anspruchsvolle Chorsätze sucht man hier vergebens. Jede und jeder singt so, wie es die eigene Stimme und persönliche Kraft eben zulassen. Und wenn sich einmal ein Ton verirrt oder sich ein schiefes Tönchen zwischen die Stimmen schleicht, gerät niemand aus der Fassung. Hier wird kein musikalischer Leistungstest abgelegt, hier darf man einfach mitsingen und sich gut fühlen. Hauptsache, die Herzen schwingen im gleichen Takt.
Früher streng, heute fröhlich
Dass die Gruppe heute so ungezwungen zusammenkommt, war nicht immer selbstverständlich. In früheren Zeiten gab eine musikalische Leitung den Ton an, und für Auftritte wurde mit viel Disziplin geprobt. Das brachte zwar Ordnung in die Musik, aber offenbar nicht immer Freude in die Herzen der Beteiligten.
Inzwischen hat sich das grundlegend geändert. Heute geht es vor allem darum, gemeinsam zu musizieren, befreit und jubilierend, und die Zeit miteinander zu genießen. Große Auftrittspläne? Fehlanzeige! Klar, zwischendurch haben sie schon mal bei der Aktion „Wer singt, blüht auf“ der Landeskirche mitgemacht oder singen auch sonntags hin und wieder beim Gottesdienst in der Kirche. Aber beweisen muss die Gruppe niemandem etwas. Ihr Publikum besteht meistens aus jenen Menschen, die selbst mitmachen. Vielleicht werden es ja noch mehr?
Damit die Lieder trotzdem einen musikalischen Zusammenhalt erfahren, ist Marion mit von der Partie, die Frau des Pastors. Sie begleitet den Chor auf der Gitarre und gibt den Liedern den harmonischen Rahmen. Das Repertoire reicht von traditionellen Kirchenliedern bis zu neueren geistlichen Stücken. Mal erklingen vertraute Melodien, bei denen viele aus dem Stegreif mitsingen können, mal werden aktuelle Lieder angestimmt. Die Hauptsache ist, dass alle mitkommen und ihre Seele in Schwingung bringen.
Erst der Choral, dann der Klönschnack
Zwischen den Liedern gibt es jede Menge Gesprächsstoff. Wie geht es den anderen? Was ist in der vergangenen Woche passiert? Welche Erinnerungen kommen beim Singen hoch? Und was gibt es sonst Neues aus dem Leben zu berichten?
Da wird neben dem Singen erzählt, gelacht und munter geredet. So ein Klönschnack gehört einfach dazu, findet Kerstin. „Und wenn sich eine Unterhaltung mal etwas länger hinzieht, ist das eben so. Schließlich kommen wir nicht nur zum Singen zusammen, sondern auch, um Gemeinschaft zu erleben. Ja, Singen macht die Seele frei – aber das Schnattern zwischendurch eben auch!“
Gerade für beeinträchtigte Menschen wie Eva können solche Treffen viel bedeuten. Man begegnet regelmäßig vertrauten Gesichtern, wird gehört, kann eigene Erlebnisse teilen und auch im gemeinsamen Gesang spürt: Ich gehöre dazu! Das verbindet – manchmal ebenso stark wie die schönste Melodie.
Die gemütliche (und warme) Tenne bei der terra ist deshalb weit mehr als ein Ausweichquartier für einen frierenden Chor. Sie ist ein Ort, an dem Menschen zusammenfinden, die Freude an ihrem Glauben, an der Musik und aneinander haben. Dass eine Bewohnerin der terra selbst Teil dieser Gemeinschaft ist, macht die Verbindung besonders schön.
