Tag der unsichtbaren Behinderung: Ein „Stiller Einkauf“ in Lüchow

Jeden 20. Oktober macht der „Tag der unsichtbaren Behinderungen“ auf Menschen aufmerksam, deren Beeinträchtigungen für Außenstehende nicht sofort erkennbar sind. Ariane Brandt (Foto), duale Studentin bei der terra est vita, hat gemeinsam mit fünf weiteren Studierenden diesen Tag genutzt, um mit einer besonderen Aktion in Lüchow ein Zeichen für mehr Verständnis und Rücksichtnahme zu setzen. Unter dem Motto „Stiller Einkauf“ wurde der Besuch im Supermarkt für zwei Stunden zu einem deutlich entspannteren Erlebnis.

Wenn man eine Behinderung nicht sehen kann

Seit drei Jahren wird in Deutschland am 20. Oktober der „Tag der unsichtbaren Behinderungen“ begangen. Ursprünglich kam er aus Neuseeland, bevor er sich weltweit verbreitete. Doch was verbirgt sich eigentlich hinter diesem Begriff? Gemeint sind körperliche, psychische, seelische oder neurologische Beeinträchtigungen, die sich im Alltag erheblich bemerkbar machen können. Für andere Menschen ist das aber auf den ersten oder auch zweiten Blick nicht zu erkennen.

Zu unsichtbaren Behinderungen zählen beispielsweise Depressionen, Angststörungen, bipolare Störungen, posttraumatische Belastungsstörungen, Zwangs- und Essstörungen. Auch neurologische Besonderheiten und Entwicklungsstörungen wie Autismus-Spektrum-Störungen, ADHS, Demenz oder Parkinson gehören dazu. Ebenso können chronische Erkrankungen wie Multiple Sklerose, Diabetes, Epilepsie, Rheuma oder Krebs und dessen Spätfolgen das Leben der Betroffenen stark beeinflussen. Chronische Schmerzen, Erschöpfungszustände sowie nicht unmittelbar erkennbare Sinnes- und Organbeeinträchtigungen können den Alltag ebenfalls erheblich erschweren.

Kurz gesagt: Eine unsichtbare Behinderung ist eine Beeinträchtigung, die das tägliche Leben und Arbeiten deutlich einschränken kann, ohne dass andere Menschen dies unmittelbar bemerken. Betroffene erleben deshalb häufig nicht nur die Belastungen ihrer Erkrankung, sondern müssen sich auch mit Unverständnis und fehlender Rücksichtnahme auseinandersetzen.

Wenn der Supermarkt zur Reizüberflutung wird

Was für viele Menschen ein ganz normaler Einkauf ist, kann für andere zu einer echten Herausforderung werden. Volle Gänge, klappernde Einkaufswagen, laute Gespräche, Musik aus den Lautsprechern und Durchsagen an der Kasse: Im Supermarkt kommen zahlreiche Geräusche und Eindrücke zusammen. Gerade zu Stoßzeiten herrscht oft reges Treiben. Mitarbeitende räumen Waren ein, transportieren Nachschub oder reinigen die Böden, während sich Kundinnen und Kunden möglichst schnell durch die Gänge bewegen.

Für eine Frau mit einer Angststörung kann diese Situation enormen Stress auslösen. Die vielen Menschen, die Enge und die Geräuschkulisse verstärken möglicherweise ihre innere Unruhe. Ihr Herz schlägt schneller, sie fühlt sich beobachtet oder bekommt Angst, die Kontrolle zu verlieren. Während andere entspannt ihre Einkaufsliste abarbeiten, möchte sie vielleicht nur noch den Laden verlassen – selbst dann, wenn sie noch längst nicht alles gefunden hat.

Auch für einen Menschen mit ADHS können die vielen Reize zur Belastung werden. Gespräche, Musik, Bewegungen und Waren in den Regalen konkurrieren um seine Aufmerksamkeit. Es fällt ihm dann meist schwer, sich auf den Einkauf zu konzentrieren, den Überblick zu behalten und die benötigten Produkte zu finden. Was für andere selbstverständlich erscheint, kann so viel Kraft kosten.

Dabei sieht man den Betroffenen ihre Schwierigkeiten häufig nicht an. Sie wirken vielleicht völlig unauffällig, obwohl sie innerlich angespannt oder bereits über ihre Belastungsgrenze sind. Genau hier setzt der Gedanke des „Stillen Einkaufs“ an: Eine reizärmere Umgebung kann dazu beitragen, dass Menschen mit unsichtbaren Behinderungen selbstbestimmter und entspannter am Alltag teilnehmen können.

Was zwei Stunden ohne Musik und Durchsagen bewirken

Ariane Brandt wollte gemeinsam mit fünf weiteren Studierenden auf diese Herausforderungen aufmerksam machen und gleichzeitig ganz praktisch etwas verändern. Ihre Idee: ein Supermarkt, in dem es für eine begrenzte Zeit deutlich ruhiger zugeht.

Die Suche nach einem passenden Partner gestaltete sich zunächst schwierig. „Es war gar nicht so einfach, jemanden zu finden“, berichtet Ariane, die sich im fünften Semester ihres Studiums der Sozialen Arbeit befindet. Schließlich stieß das Studierendenteam beim REWE-Markt an der Theodor-Körner-Straße in Lüchow auf offene Ohren. Marktleiter Robin Schulz war bereit, die Aktion mitzumachen.

Am 20. Oktober wurde es dort zwischen 15 und 17 Uhr ungewohnt still. Die Musik blieb ausgeschaltet, Lautsprecherdurchsagen waren ausgesetzt und auch die brummende Reinigungsmaschine kam in dieser Zeit nicht zum Einsatz. Darüber hinaus waren die Mitarbeitenden gebeten worden, besonders rücksichts- und verständnisvoll mit den Kund*innen umzugehen.

So entstand ein Einkaufserlebnis, bei dem weniger Geräusche und Ablenkungen auf die Menschen einwirkten. Für viele mag das zunächst nach einer kleinen Veränderung klingen. Andere, die empfindlich auf Reize reagieren oder im Alltag mit unsichtbaren Beeinträchtigungen kämpfen, kann eine solche Anpassung jedoch einen großen Unterschied machen.

Wie Hannes in Ruhe einkaufen konnte

Dass die Idee aufging, zeigte sich auch bei Hannes. Er ist geistig behindert und kam gemeinsam mit seiner Assistentin Dorit von der terra in den REWE-Markt. Das Zeitfenster nutzte er, um in ruhiger Atmosphäre einzukaufen. Ohne die sonst üblichen Hintergrundgeräusche konnte er sich besser auf das konzentrieren, was er erledigen wollte, und den Einkauf in seinem eigenen Tempo genießen.

Für ihn wurde damit ganz konkret erlebbar, wie viel eine reizärmere Umgebung bewirken kann. Die Aktion war also nicht nur ein symbolisches Zeichen zum „Tag der unsichtbaren Behinderungen“, sondern auch eine praktische Möglichkeit, Teilhabe im Alltag zu erleichtern.

Auch Ariane Brandt freute sich über den gelungenen Verlauf. Denn die Aktion machte deutlich, dass Inklusion nicht immer großer Veränderungen bedarf. Manchmal reicht es schon, gewohnte Abläufe zu hinterfragen und für eine begrenzte Zeit andere Bedingungen zu schaffen.

Wie vielseitig ein Lebensweg sein kann

Dass Ariane sich für ein solches Projekt einsetzt, passt zu ihrem ungewöhnlichen beruflichen Werdegang. Die heute 44-jährige Studentin bringt viel Lebens- und Berufserfahrung mit. Nach ihrer Ausbildung zur Staudengärtnerin, die sie als Gesellin abschloss, studierte sie Landschaftsarchitektur und erwarb ihr Diplom. Zusätzlich erwarb sie den Schein zur Ausbilderin im Gartenbau.

Anschließend vermittelte sie an der Universität Vechta Lehramtsstudierenden die Grundlagen des Gartenbaus mit Kindern. Später arbeitete sie als Gartenbaulehrerin an der Waldorfschule in Hitzacker und als Schulbegleiterin an einer Förderschule.

Dann veränderte sich ihr Leben grundlegend: Vier Jahre lang nahm sie sich beruflich zurück, um ihre an Demenz erkrankte Mutter zu pflegen. Nach deren Tod gelang ihr der Wiedereinstieg in den Beruf auf dem Bauckhof in Stütensen, einem besonderen Lebensort für Menschen mit und ohne Hilfebedarf.

Dort fand sie eine neue berufliche Perspektive. „Mein Herz war endgültig für die soziale Arbeit gewonnen“, erzählt Ariane. Das führte sie schließlich zum dualen Studium der Sozialen Arbeit an der Berufsakademie Lüneburg.

Welche Wurzeln sich bei der terra zeigen

Seit September 2025 absolviert Ariane nun den derzeitigen Praxisteil ihres Studiums bei der terra est vita. Von Mittwoch bis Freitag bringt sie sich dort ins im Team Garten und Landwirtschaft ein. „Diesem Bereich entspringen meine Wurzeln, und sie bleiben mir nah“, sagt sie.

Die Verbindung von praktischer Arbeit, sozialem Engagement und dem Blick auf die individuellen Bedürfnisse von Menschen prägt damit auch ihren heutigen Berufsalltag. Die Aktion „Stiller Einkauf“ zeigt beispielhaft, wie sich diese Haltung in konkrete Ideen übersetzen lässt.

Im kommenden Jahr wird Ariane dann ihre Bachelorarbeit schreiben und damit ihr Studium beschließen. Auch das Thema steht für sie schon fest: Sie will der Frage nachgehen, warum es in Dannenberg, einer Stadt mit nur rund 8.000 Einwohnerinnen und Einwohnern, überproportional viele Menschen gibt, die einsam sterben.


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