Neuanfang: Nico und eine Geschichte dahinter

Zum 1. April hat die terra einen neuen Bewohner begrüßt: Nico, 18 Jahre alt, ist in eine Wohngruppe der „jungen Wilden“ eingezogen. Herzlich willkommen! Für ihn beginnt damit ein neuer Lebensabschnitt – einer, der nicht nur mit dem Schritt ins Erwachsenenleben, sondern auch mit einem geografischen Wechsel verbunden ist.

Zuvor lebte Nico in einem Kinder- und Jugendheim in einem Ortsteil der Hansestadt Gardelegen im Altmarkkreis Salzwedel in Sachsen-Anhalt. Mit dem Erreichen der Volljährigkeit stand für ihn die Frage nach einem neuen Zuhause an – und die Antwort fand er schließlich bei der terra im niedersächsischen Wendland.

Von hier aus wird Nico künftig, wie mehrere seiner Mitbewohner*innen, werktäglich nach Salzwedel pendeln, um dort in den CJD Altmark-Werkstätten tätig zu sein. Noch wartet er auf die offizielle Bestätigung der Arbeitsagentur, doch die Perspektive ist klar: wohnen bei der terra – arbeiten in Salzwedel.

Manch einer mag sich nun fragen, warum ein junger Mann aus Sachsen-Anhalt ausgerechnet ins niedersächsische Wendland zieht. Abgesehen davon, dass die terra seit Jahren als begehrtes Zuhause für Erwachsene mit geistiger Behinderung gilt, beobachtet Geschäftsführer Henrik Thunecke seit einiger Zeit eine bemerkenswerte Entwicklung. „In letzter Zeit erreichen uns gehäuft Anfragen aus Sachsen-Anhalt nach einem Wohnplatz“, berichtet er.

Die Erklärung dafür liegt für Thunecke nicht nur in der Qualität des Angebots der terra, sondern auch im politischen Klima. Denn im September stehen in Sachsen-Anhalt Landtagswahlen an. Und es ist kein Geheimnis, dass die Alternative für Deutschland (AfD) in aktuellen Umfragen mit 38 Prozent deutlich vorne liegt – mit 13 Prozent Abstand zur CDU. Die übrigen Parteien sind weit abgeschlagen.

„Es ist also nicht unwahrscheinlich, dass die AfD an der künftigen Regierung beteiligt sein oder sie sogar anführen wird“, sagt Thunecke. Und genau das habe, so seine Beobachtung, ganz konkrete Auswirkungen auf die Nachfrage nach Wohnplätzen für Menschen mit geistiger Behinderung in Niedersachsen.

„Das ist ein Phänomen, das hätte ich so erstmal nicht geglaubt – aber tatsächlich steigt die Angst vor der politischen Veränderung“, erklärt er. „Da liegt für viele ein Umzug nach Niedersachsen nahe.“ Gerade mit Blick auf den vulnerablen Personenkreis der terra-Bewohner*innen kann Thunecke diesen Impuls gut nachvollziehen. Eltern und Betreuer*innen suchen Sicherheit, Verlässlichkeit und ein Umfeld, in dem ihre Angehörigen langfristig gut aufgehoben sind.

Für Menschen ohne diese besondere Schutzbedürftigkeit bewertet er die Situation differenzierter. Thunecke selbst lebt mit seiner Familie weiterhin in Sachsen-Anhalt. Und er stellt sich eine Frage, die dort viele umtreibt: Lieber „flüchten“ vor einer möglichen politischen Entwicklung durch einen AfD-Wahlsieg – oder bleiben und für demokratische Werte und gute Lebensbedingungen für alle eintreten? Thuneckes persönliche Antwort ist klar: „Wir bleiben!“

Für Nico jedoch steht zunächst etwas anderes im Vordergrund. Er hat ein neues Zimmer, neue Mitbewohner*nnen, neue Abläufe – und die Aussicht auf einen geregelten Arbeitsalltag. Für ihn bedeutet der Umzug vor allem eines: erstmal gut ankommen.

Und so beginnt sein Leben bei der terra nicht nur als persönlicher Neuanfang, sondern auch als Teil einer größeren Entwicklung, die zeigt, wie eng individuelle Lebenswege manchmal mit gesellschaftlichen Rahmenbedingungen verknüpft sind.


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